14. August 2019

Zu große Ungleichheit verringert die Bereitschaft, staatliche Aufgaben mitzufinanzieren

Nature-Studie von University of Exeter Business School, IST Austria und Harvard University

Zu große Ungleichheiten in der Gesellschaft können die Bereitschaft, staatliche Aufgaben mitzufinanzieren, negativ beeinflussen, was sowohl reichere als auch ärmere Gesellschaftsschichten benachteiligen könnte. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der University of Exeter Business School, des Institute of Science and Technology Austria (IST Austria) und der Harvard University, die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde.

Doch auch wenn zu viel Ungleichheit schädlich ist, so stellten die Forscher fest, dass auch eine vollständige Gleichheit nicht immer erforderlich ist, um den größten Nutzen für die Öffentlichkeit zu erzielen. Einige Ungleichheiten innerhalb von Gruppen können tatsächlich dazu beitragen, dass jeder ausreichend zur Gruppe beiträgt, so die Studie. Ihre Ergebnisse könnten für politische EntscheidungsträgerInnen, die für die kontinuierliche Unterstützung öffentlicher Güter und Dienstleistungen wie Steuern, Gesundheitswesen und Bildung verantwortlich sind, von Interesse sein.

Das Forschungsteam, zu dem auch die Mitautoren Oliver Hauser (University of Exeter) und Christian Hilbe aus der Gruppe von Krishnendu Chatterjee (IST Austria) gehörten, entwickelte eine mathematische Theorie, die berücksichtigte, inwieweit Menschen mit unterschiedlichem Einkommen und anderer Leistungsfähigkeit in der Lage waren, miteinander zu kooperieren, indem sie deren Bereitschaft maßen, mit einem Teil ihres Einkommens die staatlichen Aufgaben mitzufinanzieren. 

In einer extrem ungleichen Gesellschaft waren diejenigen mit höherem Einkommen weniger geneigt, ihren Anteil zu staatlichen Aufgaben beizutragen. Dies wiederum führte auch dazu, dass Menschen mit dem niedrigsten Einkommen ebenso weniger dazu beitrugen. Die Aufteilung der Zusammenarbeit unter hoher Ungleichheit hat Auswirkungen auf die Finanzierung wesentlicher Dienste für die Gesellschaft. 

„Um sicherzustellen, dass unsere staatlichen Leistungen finanzierbar bleiben, müssen wir verstehen, welche Auswirkungen Ungleichheit spielt”, erläutert Oliver Hauser. „Viele Menschen sehen Ungleichheit entweder kategorisch schlecht oder gut, aber unsere Forschung zeigt, dass es komplizierter ist. Wir wollten untersuchen, unter welchen Bedingungen sich Ungleichheit negativ auswirkt und es Fälle gibt, in denen sie auch nützlich ist? Die wichtigste Erkenntnis unserer Studie ist, dass bei zu starker Ungleichheit die Aufrechterhaltung der staatlichen Leistungen bedroht ist. Schließlich wirkt sich dies negativ sowohl auf die reicheren als auch ärmeren Gesellschaftsschichten aus.“

Die Forscher zeigten, dass in Gruppen von zwei Personen mit ungleichem Einkommen eine hohe Ungleichheit die Kooperationsbereitschaft reduziert. Wenn Menschen jedoch zusätzlich unterschiedliche Leistungsfähigkeit aufweisen (z.B. mehr Erfahrung oder Lösungskompetenz bei einer Arbeitsaufgabe), kann eine gewisse Einkommensungleichheit sogar von Vorteil sein, um sicherzustellen, dass beide weiterhin beitragen. 

„Wir konnten feststellen, dass bei einer geringen Ungleichheit beide Menschen immer noch genügend Einfluss aufeinander ausüben konnten, um sich gegenseitig zur Verantwortung zu ziehen. Weiters konnten wir zeigen, dass diejenigen, die in der Aufgabe hochproduktiv waren, motivierter sind, sich einzubringen. Sie werden mehr von ihrem Einkommen beitragen – auch wenn es sich um eine größere Summe handelt“, erklärt Christian Hilbe.

„Aber es gibt eine Grenze: Sobald die Ungleichheit zwischen den beiden Menschen zu groß wird, geht der Einfluss auf die andere Person verloren und der ärmere Spieler ist dem mächtigeren reichen Spieler sozusagen ausgeliefert. Keiner von ihnen hat mehr genug Anreiz zur Zusammenarbeit und diese endet dann auch schnell.“

Mit dem Zusammenschluss von Spieltheorie, Computersimulationen und einem Verhaltensexperiment im nun vorgestellten Modell fanden die Forscher empirische Unterstützung für ihre Schlussfolgerungen. Wo frühere Studien typischerweise individuelle Interaktionen untersucht haben, konnte die neue Modellierungstechnik des Teams Gruppeninteraktionen über Millionen von verschiedenen Szenarien hinweg darstellen, was das Ergebnis dieser Studie einzigartig macht – insbesondere in Bezug auf das Verständnis gesellschaftlicher Interaktionen.

„Unsere Forschung zeigt, welche Auswirkungen Ungleichheit auf die Unterstützung öffentlicher Güter haben kann”, so Professor Krishnendu Chatterjee vom IST Austria. „Wir hoffen, dass in Zukunft mehr Forschung in diesem Bereich durchgeführt wird, um die Einflüsse auf die Entscheidungsfindung besser zu verstehen, insbesondere im kritischen Bereich der Finanzierung der staatlichen Aufgaben. Jetzt haben wir ein realistischeres Modell zur Nachahmung gesellschaftlicher Interaktionen. Dass die Ergebnisse der analytischen, theoretischen und verhaltensbezogenen Ansätze übereinstimmen, ist für mich der wichtigste Aspekt dieser Studie.“

Die Studie „Social dilemmas among unequals“ kann auf der Nature-Website eingesehen werden. Die Forschung wurde vom Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten, der Marine der Vereinigten Staaten, der John Templeton Foundation, dem ISTFELLOW-Programm, dem Österreichischen Wissenschaftsfonds und mit einem Start Grant des European Research Council finanziert.


Original Publikation

Hauser O., Hilbe C., Chatterjee K. & M. Nowak. 2019. Social dilemmas among unequals. Nature. DOI: 10.1038/s41586-019-1488-5

Förderinformation

Die Studie „Social dilemmas among unequals“ kann auf der Nature-Website eingesehen werden. Die Forschung wurde vom Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten, der Marine der Vereinigten Staaten, der John Templeton Foundation, dem ISTFELLOW-Programm, dem Österreichischen Wissenschaftsfonds und mit einem Start Grant des European Research Council finanziert.

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