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8. September 2022

“Ich habe von Anfang an ans ISTA geglaubt.”

Interview mit Laurenz Niel, zuständig für Professorenberufungen und institutionelle Forschung im Büro des Präsidenten

portrait of Laurenz Niel
Laurenz Niel, zuständig für Professorenberufungen und institutionelle Forschung im Büro des Präsidenten © ISTA

Du warst einer der ersten Mitarbeiter von ISTA, ist das richtig?

Ja, ich wurde zusammen mit dem ersten Geschäftsführer Gerald Murauer in einem Hearing im Jänner 2007 ausgewählt, aber ich habe dann als dritter Mitarbeiter angefangen, weil ich noch eine lange Kündigungsfrist in meinem vorherigen Job hatte.

Gab es den Campus zu dieser Zeit schon?

Es gab den Campus, aber das Areal war damals noch ein Krankenhaus. Es stand schon kurz vor der Schließung, aber es gab noch ein paar Monate Patient:innen hier. In den ersten Tagen gingen wir zum Mittagessen in die Krankenhauskantine. Das einzige Gebäude, das damals für das Institut hergerichtet wurde, war das Gebäude, in dem heute die Abteilung Construction & Maintenance untergebracht ist. Das Voestalpine-Gebäude beherbergte die Verwaltung des Krankenhauses. Es gab noch etwa 30 Gebäude, die über den Campus verstreut waren, etwa die Hälfte von ihnen wurde bald abgerissen. Das Gelände sah völlig anders aus. Bis zur Eröffnung des Campus im Juni 2009 wurde kein Stein auf dem anderen gelassen. Die gesamte Infrastruktur wurde komplett neu aufgebaut.

People using shovels in front of a sign, breaking ground for a new campus
Feierlicher Spatenstich auf dem ISTA-Campus © ISTA

Welche Position hattest du damals am Institut inne und wie hat sie sich seitdem verändert?

Meine erste Position war “Koordinators des wissenschaftlichen Beirats”. Meine Aufgabe war es, den Prozess der Berufung von Wissenschafter:innen für das Institut zu initiieren. Es war ja noch ein Forschungsinstitut ohne Forscher:innen. Ich arbeitete sehr eng mit Haim Harari, Olaf Kübler und Arnold Schmidt zusammen. Haim war so etwas wie der amtierende Präsident, bis der erste Präsident Tom Henzinger kam, Olaf war Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats, und Arnold war sein Stellvertreter. Mit diesen Leuten habe ich die erste Suche nach Wissenschafter:innen durchgeführt. Sehr bald stieß Helga Materna zu uns, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielte. Wir haben dann die Abteilung Academic Affairs aufgebaut, die ich einige Jahre auch selbst geleitet habe. Im Jahr 2018 habe ich die Leitung der Abteilung an Barbara Abraham übergeben. Seitdem habe ich eine Stabsstelle im Büro des Präsidenten inne.

Irgendwann gab es eine erste Forschungsgruppe. Ist das Institut seither im gleichen Tempo gewachsen?

Das Tempo hat sich nicht dramatisch verändert, im Durchschnitt fünf neue Forschungsgruppen pro Jahr. Normalerweise gibt es einen Sprung, wenn ein neues Gebäude eröffnet wird. Wir wachsen mit dem Raum, der uns zur Verfügung steht.

Gibt es ein Highlight in den 15 Jahren, auf das du gerne zurückblickst?

Ein Highlight war sicherlich die Eröffnung des Campus im Jahr 2009. Damals waren wir etwa 10 Leute in der Verwaltung sowie einen Professor, Nick Barton, mit einem Studenten und einem Postdoc. Die Campus-Eröffnung war eine viertägige Veranstaltung. Wir starteten mit dem ersten Open Campus, und wir wurden überrannt, weil so viele neugierige Leute kamen, obwohl es noch nicht viel zu sehen gab. Es war ein riesiges Verkehrschaos. Dann gab es drei Tage Programm, den offiziellen Festakt mit dem Bundespräsidenten und anderen Politiker:innen sowie hochrangige wissenschaftliche Symposien. Und wir waren nur ganz wenige. Ich frage mich bis heute, wie wir das geschafft haben. Aber irgendwie hat es funktioniert. Es herrschte eine Aufbruchsstimmung, alle haben an einem Strang gezogen. Das war wirklich ein Höhepunkt.

Gab es in diesen 15 Jahren etwas, das dich wirklich überrascht hat?

Ja. Gleich zu Beginn, und das war keine angenehme Überraschung. Der erste Präsident, den wir haben wollten, hat überraschend abgesagt, kurz nachdem er bereits in den Medien angekündigt worden war. Das war ein Rückschlag und viele glaubten damals, dass aus dem Institut nichts werden würde. Dass es dann so gut gelaufen ist, war für viele eine Überraschung, aber ich habe von Anfang an daran geglaubt.

yellow building in front of a pond
Das Zentralgebäude vor Baubeginn © ISTA

War dies die einzige Herausforderung in der Anfangszeit des Instituts?

Nein. Die Medien berichteten sehr kritisch über das Institut. Man befürchtete, dass viel Geld in eine mittelmäßige Einrichtung gesteckt werden würde. Auch ich betrachtete es als hochriskantes Experiment. Ich war aber überzeugt, dass daraus etwas werden kann. Ich kannte die österreichische Forschungslandschaft gut und hatte viele Strategiepapiere gelesen. An Strategiepapieren gibt es in Österreich wirklich keinen Mangel. Viele von ihnen sagen nicht viel Substanzielles aus und wiederholen dafür Blabla. Aber das Strategiepapier für dieses Institut stach in meinen Augen heraus. Es war wirklich gut. Und wir haben uns auch sehr gut daran gehalten.

Die anfängliche Kritik hat sich also schnell gelegt?

Das war immer eine Frage der Perspektive. In den Medien wurde das Institut immer als Eliteuniversität bezeichnet. Aus der Sicht der Wissenschafter:innen, die wir rekrutieren mussten, war es aber ein absolutes No-Name-Institut. Niemand kannte Klosterneuburg, niemand kannte das Institut. Auch die Wahrnehmung des Standortes könnte kaum unterschiedlicher sein. Aus der Sicht der Wiener:innen liegt das Institut irgendwo hinter dem Wienerwald. In Wien gab es immer Leute, die gesagt haben: Wenn das Institut nicht in der Stadt angesiedelt ist, wird es nie erfolgreich sein. Aber die Wissenschafter:innen, die hierher gekommen sind, sagen: Ich gehe nach Wien. Weil Wien attraktiv ist. Ich habe vor einiger Zeit ein Interview mit dem damaligen Bürgermeister von Wien, Michael Häupl, geführt. Und er sagte: “Wir haben damals den Wettbewerb um den Standort des ISTA gegen Niederösterreich verloren. Aber Wien hat trotzdem gewonnen, weil das Institut als Teil der Wiener Forschungslandschaft wahrgenommen wird.”

In 15 Jahren am ISTA ist sicher einiges passiert, oder?

Ich erinnere mich an eine Sache. Ich hatte früher einen fast 20 Jahre alten Mitsubishi-Kleinbus, weil ich eine große Familie habe. Und als wir 2011 die erste Evaluierung hatten, gab es ein Abendessen mit dem Evaluierungskomitee im Stiftskeller Klosterneuburg. Danach wollten sie alle zurück nach Wien fahren, aber es war mitten im Winter und es gab zu wenig Taxis. Also packte ich alle sechs Komiteemitglieder, darunter zwei Nobelpreisträger, in meinen Kleinbus und brachte sie nach Wien. Auf halbem Weg leuchtete plötzlich eine Warnlampe auf, und ich wusste nicht, was los war. Ich musste dann jede einzelne Tür überprüfen und es schepperte im Auto ziemlich heftig. Die Professoren haben das alles mit viel Humor genommen. Diese Fahrt hat der Bewertung nicht geschadet. Sie war ausgezeichnet.

Construction site of a campus with a crane in winter
Baustelle im Winter. Vorankommen unter schwierigen Bedingungen © ISTA

Im September wird die 1000. Mitarbeiter:in am Institut anfangen. Wo siehst du das Institut, wenn in ein paar Jahren die 2000ste Mitarbeiter:in eingestellt wird?

Das wird noch eine Weile dauern, denn ich denke, unser Wachstum wird sich im gleichen Tempo wie bisher fortsetzen. Bis dahin werden wir wahrscheinlich unseren Ruf gefestigt haben. Jetzt werden wir noch als Newcomer wahrgenommen. Dann werden wir als fester Bestandteil der europäischen Spitzenforschungslandschaft wahrgenommen werden. Das T im Namen ISTA wird mit mehr Leben gefüllt werden. Es wird mehr Technologieforschung am Campus stattfinden, und damit wird auch ein Kulturwandel einhergehen. Und ich hoffe, dass das Institut auf die österreichische Forschungslandschaft ausstrahlen wird und wir in einem noch intensiveren Austausch mit anderen österreichischen Einrichtungen stehen werden.



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