16. März 2022

Charakterisierung von Super-Semi-Sandwiches für Quantencomputer

Wissenschafter:innen entwickeln neue Technik, um Wechselwirkungen zwischen Halbleitern und Supraleitern zu untersuchen.

Experimental Chip 1 (c) ISTA
Chip des Quantenexperiments. © ISTA

Halbleiter sind die Grundlage moderner Technologien, während Supraleiter mit ihrem verschwindenden elektrischen Widerstand die Basis für künftige Technologien, einschließlich Quantencomputern, werden könnten. Sogenannte „Hybridstrukturen“ – minutiös konstruierte Sandwiches aus Supraleitern und Halbleitern – könnten neue Quanteneffekte erzeugen. Bisher konnten diese nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Nun haben Forscher:innen des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) in Zusammenarbeit mit der NYU einen neuen Weg gefunden, um herauszufinden, was in diesen „Super-Semi-Sandwiches“ vor sich geht.

„Es gibt einen internationalen Wettlauf um die beste Plattform für die Kontrolle und Verarbeitung von Quanteninformationen für Quantencomputer, wobei Supraleiter eine herausragende Rolle spielen“, erklärt Duc Phan, Doktorand am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) und Erstautor einer neuen Studie, die in Physical Review Letters veröffentlicht wurde. „Microsoft arbeitet an topologischen Quantenbits, die Super-Semi-Sandwiches nutzen. Doch bevor wir solche Sandwiches verwenden können, müssen wir die grundlegende Physik dahinter verstehen.“

Phan und seine ISTA-Kollegen Jorden Senior und Andrew Higginbotham aus der Gruppe für Kondensierte Materie und Quantenschaltungen führten diese Studie in enger Zusammenarbeit mit Partner:innen der New York University und mit theoretischer Unterstützung von Areg Ghazaryan und Maksym Serbyn aus der ISTA-Gruppe für Quantendynamik durch. Sie entwickelten eine neue Technik, um die Quantenwechselwirkungen in Super-Semi-Sandwiches zu untersuchen. Diese könnten den Weg für topologische Qubits auf der Grundlage sogenannter Majorana-Nullmoden ebnen.

Experimental Chip 2 (c) ISTA
Chip mit Super-Semi-Sandwich. Die schlangenförmig gebogene Struktur in der oberen Hälfte ist das Super-Semi-Sandwich aus einem Aluminium-Supraleiter und einem Indium-Arsen-Halbleiter. Es ist nur wenige Mikrometer dick. Die horizontale Linie in der Mitte ist der Draht, der den hochfrequenten Wechselstrom leitet, mit dem das benachbarte Sandwich untersucht wird. © ISTA

Für ihr Experiment stellten die Forscher:innen ein mikroskopisch kleines Sandwich her, das aus einem Aluminium-Supraleiter (Al) und einem Indium-Arsen-Halbleiter (InAs) besteht. Supraleiter sind Materialien, die keinen elektrischen Widerstand haben. Dazu müssen sie auf Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt gekühlt werden. Halbleiter wie InAs oder Silizium können je nach Umgebung und angelegtem elektrischen Feld isolierend oder elektrisch leitend sein.

Genau wie bei einem herkömmlichen Sandwich, das mehr als die Summe seiner Teile ist, verändern sich bei Super-Semi-Sandwiches die kombinierten Eigenschaften von Al und InAs. An der Grenzfläche zwischen dem Al-Supraleiter und dem InAs-Halbleiter lässt der Proximity-Effekt die Supraleitung auf den Halbleiter überschwappen und erzeugt dort neue Quantenzustände.  Bislang war es für Forscher:innen jedoch schwierig, diese zu untersuchen, da sie nicht direkt getestet werden konnten. Sie waren hinter den Effekten des Supraleiters verborgen.

„Wir haben herausgefunden, wie wir den Schleier des Supraleiters teilweise transparent machen können. Dazu schicken wir Milliarden Mal pro Sekunde alternierenden Wechselstrom durch die Umgebung des Sandwiches und bekommen so Feedback über die Eigenschaften des Halbleiters“, erklärt Senior. „Wir haben auch ein Magnetfeld angelegt, um neue Quantenzustände zu erzeugen, nach denen wir gesucht haben. Dazu haben wir ein neues Modell entwickelt, das unsere Beobachtungen erklärt.“

Experimental Setup (c) ISTA
Experiment des Chips mit dem Super-Semi-Sandwich. © ISTA

Dieses erste experimentelle Ergebnis der Higginbotham-Gruppe seit ihrer Gründung am ISTA legt den Grundstein für die Untersuchung von Supraleiter-Halbleiter-Hybridstrukturen mit bisher ungekannter Genauigkeit. „Die daraus abgeleiteten Parameter könnten eine dringend benötigte Anleitung für die Konstruktion topologischer Quantenbits basierend auf Majorana-Nullmoden liefern“, sagt Jorden. Er hebt außerdem hervor, dass „das ISTA in diesem sich entwickelnden Feld sehr gut aufgestellt ist, weil hier experimentelle Expertise, theoretisches Verständnis sowie die hervorragende Infrastruktur zusammenkommen, wie etwa im hochmoderne Reinraum – die Küche zur Sandwichproduktion.“

Phan und seine Kolleg:innen sind gespannt, welche neuen Erkenntnisse sie mit ihrer neuartigen Untersuchungsmethode gewinnen werden und welche zukünftigen Anwendungen möglich sein werden, sobald die grundlegende Physik dieser exotischen Sandwiches verstanden ist.

Publikation:

D. Phan, J. Senior, A. Ghazaryan, M. Hatefipour, W. M. Strickland, J. Shabani, M. Serbyn, and A. P. Higginbotham. 2022. Detecting induced p±ip pairing at the Al-InAs interface with a quantum microwave circuit. Physical Review Letters. DOI: https://doi.org/10.1103/PhysRevLett.128.107701

Projektförderung:

Diese Forschungsarbeit wurde von den wissenschaftlichen Serviceeinheiten des ISTA mit Mitteln aus der MIBA-Werkstatt und der Nanofabrikationsanlage unterstützt. J. Senior und A. Ghazaryan wurden von dem Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 der Europäischen Union des Marie-Sklodowska-Curie Grant Agreement Nr. 754411 finanziert. M. Hatefipour, W. M. Strickland und J. Shabani erhielten Finanzierung vom Office of Naval Research unter der Nummer N00014-21-1-2450.



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